Die Qual der Wahl (single_moments#002)

„Die Kamera ist für mich ein Werkzeug, welches es mir ermöglichen sollte, im entscheidenden Moment die gewünschte Aufnahme zu schießen“. Das Zitat stammt von mir und findet sich auf der letzten Folie eines Vortrags zum Thema „Wie nutze ich meine Kamera optimal“.

 

Gestern Abend konnte ich nicht widerstehen, auf diese Facebook-Mitteilung eines um Hilfe suchenden (?), verärgerten (!) Fotografen (oder zumindest fotografierenden Mitmenschen) zu reagieren. Hier die Message im Original-Wortlaut, ungekürzt:

Herr Mirko XXXX schreibt:

Hmm. Was soll ich sagen?
Habe ich mich von der ganzen Hysterie verleiten lassen?
Habe ich zu schnell mein gut funktionierendes Canon System verkauft um zu Fuji zu wechseln?

Ich ärgere mich ein wenig das ich auf den Fuji-Zug aufgesprungen bin.

Warum?

– Mangelnde Qualität. Bei einem meiner X-T2 ist jetzt bereits das zweite mal der Auslöser defekt.
Bei der zweiten X-T2 fängt der Auslöser an, zu spinnen. Der Druckpunkt des AF verschwindet langsam

– Der AF. Gerade bei bewegten Motiven ist definitiv nicht so gut wie bei Canon. Ich habe so viel Ausschuss, wie noch nie.
Mag auch an den Objektiven liegen, ich weiß es nicht.

– Der AF bei schummrigem Licht bzw bei Kunstlicht. Fotos auf der Tanzfläche einer Hochzeit, ein Graus. Mit Canon nie solche Probleme gehabt wie mit Fui.

– Auslösen wenn es dunkel ist. Komisch irgendwie. Ich drücke den AF halb druch. AF Punkt leuchtet grün. Ich drücke den Auslöser ganz durch. Jetzt wird die Anzeige im Sucher träge, dann dauert es ca. 1 Sekunde, dann wird das Foto gemacht.

– Wenn die Kamera eingeschalten ist, längere Zeit nicht benutzt wurde, springt sie in den Energiesparmodus um. Ab und zu reicht ein druck auf den Auslöser. Meistens jedoch muss die Kamera ein- und wieder ausgeschalten werden, damit sie wieder bereit ist. Warum mal ein Druck reicht und ein anderes Mal nicht, keine Ahnung. Lässt sich für mich nicht nachvollziehen.

– Ständige Freezers bei Serienaufnahme. Bei beiden Kameras. MIt unterschiedlichen Speicherkarten. Fuji schweigt sich dazu aus.

– Fuji Objektive sehen immer irgendwie staubig aus. Das Metall fühlt sich zwar wertig an, ist aber auch sehr empfindlich gegenüber Kratzern. OK, das ist nur die Optik. Aber es stört mich ein wenig. Die Objektive sehen nach 6 Monaten Benutzung bereits schlimm aus. Habe ich bei Canon nie erlebt.

– Das 16 und 23 mm Objektiv haben einen AF Lock. Zum manuellen fokussieren muss man den Fokusring nach hinten ziehen. Eine tolle Sache. Die anderen Objektive haben diese Funktion nicht. Beim 50-140 zum Beispiel dreht man ab und an schon mal am Ring. Nervig.

– Die Abdeckung der PC-Sync Buchse. Bei beiden meiner X-T2 bereits verloren. Bei der Leihkamera die ich von Fuji bekommen habe, ebenfalls verloren. (Ich weiß, kleinkram, aber es nervt)

Meine Ausrüstung:
2x X-T2 mit Batteriegriff
16 mm 1.4
23 mm 1.4
35 mm 1.4
56 mm 1.2
10-24 mm 4.0
50-140 2.8

Klar, es gibt auch Vorteile. Der größte Vorteil ist natürlich das Gewicht. Es macht schon einen Unterschied ob man auf einer 12 Stunden Hochzeit mit Fuji oder Canon rumläuft. Hier geht ganz klar der Punkt an Fuji.
Auch der Sucher ist der Hammer. Bereits im Sucher das fertige Bildergebniss sehen zu können, Top.
Ansonsten bin ich wirklich nicht mehr begeistert. Auch, wenn ich zuerst Feuer und Flamme für dieses System war. Aber das Feuer ist erloschen. Leider.

 

Innerhalb von Minuten folgt ein Kommentar auf das nächste. Wie üblich finden sich hier schnell zwei Lager – einmal PRO und einmal CONTRA. Ich möchte hier weder werten noch mich zu 100% auf die eine oder andere Seite schlagen. Zuerst meine Antwort, die innerhalb von knapp zwei Stunden viele likes bekam:

single_moment#00201082017

Die Suche nach dem ewigen, heiligen (Kamera-)Gral.

Ich zweifle in keiner Weise an, dass das eine oder andere Teil des Betroffenen ein technisches Problem aufweisen mag. Die Frage ist, ob dies – wie unterschwellig angedeutet – ein Konstruktionsfehler und damit auf den bösen, bösen Hersteller zurückzuführen ist, der uns arme Verbraucher zu Versuchstierchen macht?

Zuerst wird die mangelnde Qualität eines der Top-Gehäuse beklagt. Nun, ich nutze diverse Kameras täglich und das seit mehr als vier Jahren – ohne Probleme. Entweder ich habe unverschämtes Glück, oder die Kamera des Herrn M. wird sagen wir „hart rangenommen“. Der Vergleich mag hinken, aber ich möchte die Augen des Herrn im Autohaus sehen, wenn ich ihm zeige, dass mein (Stadt-)Auto wirklich nicht gut performt hat – beim letzten Off-Road Trip.

Dann geht es weiter mit Beschwerden über die Autofokus-Performance. Hier kann ich ganz klar feststellen, dass die optimale, situationsbezogene Kontrolle über die Kamera gerade für einen Umsteiger aus einem DSLR-System nicht vom Himmel fällt. Ich hatte eine anhaltende, stetige Lernkurve. Es macht schlicht keinen Sinn, eine alte (für das andere System durchaus sinnvolle) Arbeitsweise einem anderen System aufzwingen zu wollen und dann mit der Performance nicht zufrieden zu sein. In einem Großteil meiner Kurse und Workshops lernen wir genau das: Die Idee aus dem Kopf mittels der Kamera als Werkzeug in das gewünschte Bild umzusetzen. Kurz und knapp: Meine Trefferquote (in Sachen Autofokus) hat sich nach Umstieg von DSLR auf spiegellose Systemkamera aus heutiger Sicht nicht verschlechtert – im Gegenteil.

Fuji Objektive sehen immer irgendwie staubig aus. (…)  Die Objektive sehen nach 6 Monaten Benutzung bereits schlimm aus. Habe ich bei C… nie erlebt.

Lustig. Wer ist dafür verantwortlich, wenn sich Staub auf der Ausrüstung findet?

Die Abdeckung der PC-Sync Buchse. Bei beiden meiner X-T2 bereits verloren. Bei der Leihkamera die ich von Fuji bekommen habe, ebenfalls verloren. (Ich weiß, Kleinkram, aber es nervt).

Ich verliere -oder sagen wir verlege – auch des öfteren das eine oder andere lebenswichtige Teil. Daran sollten die Hersteller ebenfalls arbeiten.

Meine Empfehlung in Sachen „Wie finde ich die (richtige) Kamera für’s Leben ?“ ist eindeutig: Selbst und ausführlich testen – und zwar nicht 20 Minuten im Geschäft oder gar durch Lesen von Testberichten im Inter-hier-steht-die-Wahrheit-net, sondern durch einfaches Ausleihen des Objekts der Begierde und dann unter realen – nämlich meinen -Aufnahmebedingungen zu fotografieren. Der Aufwand lohnt sich und jeder Fachhändler, dem ich glaubwürdig versichert habe, ernsthaft an der Kamera interessiert zu sein, hat bisher diesen Test ermöglicht. Neben den technischen Parametern ist das Handling, die Handhabung (Wie sind die Knöpfe und Einstellräder zu bedienen) entscheidend. Scharfe Messer gibt es viele – für einen (Profi-)koch wird die Balance, Verarbeitung und das Handling seines Messers, neben der notwendige Schärfe, entscheidend sein.

In diesem Sinne: „Das Kochen“ mit den verschiedenen FUJIFILM X-Serie Kameras hat für mich den Spass und die Freude am Fotografieren zurück gebracht. Sie sind nicht perfekt, aber für mich mit 9 von 10 möglichen Punkten nahe dran.

Stay tuned …

PS.: Dem aufmerksamen Leser wird #002 oben im Titel aufgefallen sein. Ich publiziere die Single Moments sowohl hier als auch auf meinem englischsprachigen Blog. Eine inhaltlich identische, zweisprachige Version ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgesehen. Sorry.

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